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Neuer Journalismus in Marzahn-Hellersdorf

Tageszeitung in der Krise

Von Michael Springer

Die Marzahn-Hellersdorf Zeitung ist am 13. Oktober 2018 völlig neu und für viele überraschend gestartet. Tatsächlich erschien es als ein völlig unmögliches Projekt. Denn aufgrund des Gebotes der Staatsferne der Presse, ist so ein Projekt völlig von staatlicher Gründerförderung oder von EU-Subventionen abgeschnitten.
Dazu gibt es eine aus dem Ruder gelaufene Medienökonomie, denn unterhalb 250.000 gesicherten Zugriffen können weder Anzeigensysteme geschaltet werden, noch ausreichend Erträge erwirtschaftet werden. — Ein Zuwarten auf eine wachsende Einwohnerzahl im Bezirk auf etwa 10 Mio. Einwohner wäre ebenfalls unrealistisch.

Die schlimme Realität: auch TAGESSPIEGEL, Berliner Morgenpost und anderen Zeitungen wie ND taumeln wirtschaftlich am Rande von systemischen betriebswirtschaftlichen Abgründen. Jede Stunde Recherche und Schreiben kostet. Allein Werbung verdiente bisher das Geld, um Journalisten zu finanzieren. — Die Zahlungsbereitschaft für Leser-Abos ist nicht ausreichend ausgeprägt, und auf eher wohlhabende Schichten beschränkt.

Das tiefere Grundsatzproblem: Journalismus ist als vierte Gewalt weder wirtschaftlich abgesichert, noch ein tragenden Geschäft, etwa wie eine Anwaltskanzlei, die nach Recht und Gesetz und klaren Regeln arbeitet! — Journalismus soll per Definition und Grundwerten wirtschaftlich unabhängig sein, und gleichzeitig nicht zum Bezahljournalismus mutieren.

Warum das so ist, hat ethische, historische, politische, wirtschaftliche und heute vor allem medienökonomische Gründe — und dazu kommen noch tradierte Kodizes und Usancen, die einen eigenwirtschaftlichen Aufstieg vom hyperlokalen Blogger zum Medienkonzern systemisch verhindern. Es ist auch politisch nicht unbedingt gewollt!

Andererseits kann Journalismus nicht ohne Geld leben und aufblühen.

Gäbe es einen gesunden Mittelstand, der großzügig Anzeigen schaltet, wäre es kein Problem. Doch der Mittelstand ist in Marzahn-Hellersdorf dafür nicht ausgeprägt und eingestellt. — Zudem wirtschaftlich wird mit Anzeigenwerbung im üblichen Sinn heute eher Geld verbrannt, als Geld verdient. — Erst wenn ein Geschäft riesengroß skaliert ist, wird mit Anzeigen, TV-Spots und Zeitungsbeilagen echtes Geld verdient. Für den kleinen Mittelstand ist die Konkurrenz der Handelskonzerne heute zu groß, nur sie können wöchentlich massiv Beilagen über Anzeigenzeitungen in die Briefkästen austeilen und TV-Spots bezahlen.

In meinem ländlichen Ferienquartier „Am Ahlftener Flatt“ liegt eine Ausgabe des Soltauer „heidekurier“ — mit über 1kg Beilagen ein wahres Branchenschwergewicht. Auf dem Lande funktionieren gedruckte Zeitungen noch, weil hier jeder Einkauf lange Anfahrtwege notwendig macht.

In Berlin sind die „Berliner Woche“ und die „Reinickendorfer Allgemeine Zeitung“ (RAZ) die beiden letzten großen Vertreter der gedruckten Anzeigenzeitungen. Ihre Vorteile: sie sind analog und inklusiv und erreichen alle Familienmitglieder. — Doch das journalistische Angebot ist schmal, eher gemütlich, informativ und unterhaltend — und dabei mehr auf ein älteres Lesepublikum ausgelegt.
Möglicherweise sind auch diese Anzeigenzeitungen ein Auslaufmodell, denn die Handelskonzerne investieren in eigene Apps, Kundenmagazine und berührungslose Kassensysteme. Die Zeitungsbeilage kommt künftig direkt auf das Smartphone. Zeitungsverlage müssen um die Zukunft und auch die Ökobilanzierung der gedruckten Beilagen fürchten.

Innovativ – disruptiv – syntegrieren – ein ungewöhnliches Konzept

Mit der Marzahn-Hellersdorf Zeitung musste also etwas Neues begonnen werden, eine Fortsetzung bisheriger Geschäftsmodelle war gänzlich ausgeschlossen.

Schon zu Beginn war klar: es braucht eine viel größere Sicht auf alle Entwicklungen, die in Deutschland unter dem Wort „Digitalisierung“ zusammengefasst werden. Denn immer mehr Werbebudgets werden derzeit über nur vier Konzerne geradezu ausgeschüttet: Google, Apple, Facebook und Amazon (die GAFAs).

Scheinbar gibt es für Zeitungen eine übermächtige digitale Konkurrenz der sozialen Netzwerke. Doch acht Jahre Erfahrungen mit der Pankower Allgemeine Zeitung haben ganz andere Erkenntnisse gebracht: Facebook, Twitter und Instagram können durch ein frei zugängliches Zeitungsangebot überall dort geschlagen werden, wo SocialMedia-Gruppen nicht künstlich durch Marketing und unsaubere Tricks „aufgeblasen“ werden.
Gekaufte Profile, Klicks und Likes gibt es heute schon ab 40 € in Tausender-Staffeln, hinter denen Agenturen mit tausenden Clickworkern stehen.
Das Multimulliarden-Geschäft mit Clickwerbung und Contentmarketing wird inzwischen branchenweit kritisiert. Frank Dorpheide kommentiert es aktuell im Branchendienst Meedia: „Content ist digitales Waterboarding.“

Sein Schlußzitat fasst heute nachträglich Ideen hinter dern Marzahn Hellersdorf Zeitung und dem Mediennetzwerk Berlin zusammen: „Wenn Sie also auf ihr Kommunikationsbudget gucken und erkennen, dass Sie trotz aller Technologie immer weniger bewirken, dann versuchen Sie es doch mal mit Kreativität. Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die darauf zugreifen können. Vielleicht hat das einen Grund. Probieren Sie es aus. Es lohnt und rechnet sich.“

In akribischer betriebswirtschaftlicher Kleinarbeit wurden die Kosten aller Verlagsprozesse einer digitalen Zeitung analysiert und optimiert, um die Schere zwischen Systemkosten und journalistischen Aufwand auf der einen Seite und medial-digitalen Erträgen nachhaltig zu knacken. Erschwerend dabei: es durfte nicht über eine Kreditlösung geschehen, weil diese die Kostenstruktur unrettbar aus dem sinnvoll möglichen Preiskorridor herauskatapultiert hätte, in dem mit „kostenlos Ökonomien“ konkurriert wird.

Aus dieser Arbeit wuchs ein Erkenntnisprozess heran, der sich auf eine Formel bringen lässt: „Eine Verschiebung der medienwirtschaftlichen Erdachsen ist möglich.“ — Denn das nach kaliforischen Muster konzipierte Internet ist nach strengen betriebswirtschaftlichen Maßstäben, nach transaktionsökonomischen Kosten — und möglichen fairen Erträgen — fürchterlich ineffektiv und energiefressend.

Neue Technologien des schnellen Internet, das Internet der Dinge und das neue Internet der Sinne werden überdies die bisherige Struktur der Plattformkonzerne schwer unter Druck bringen.

Für lokale Zeitungs- und Informationsmedien entsteht ein neuer Innovationskorridor, der sich durch die Verbindung eines eigenen offenen Anzeigensystem weltweit für alle journalistischen Qualitätsmedien neu aufschließen lässt.
Wichtiger Hebel sind die Europäische Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) und die Deklaration digitaler Bürgerrechte durch die Cities Coalition for Digital Rights. Sie gaben den Impuls für die Idee der rechtskonformen Digitalisierung, die weltweit unabhängigen Journalismsus und freie Presse absichern soll.

Smart City Bluebook
anzeigio – Anzeigen mit intelligenten Optionen für Web + IoT – SmartCity Bluebook – Grafik: Pixabay / anzeigio open systems ltd.

Mit dem „SmartCity Bluebook“ entsteht ein offenes regulatorisches und technisches Konzept mit Anzeigensystem, das weltweit nur an Journalisten und Pressemedien lizensiert wird, um weltweit eigenwirtschaftliche journalistische Arbeit abzusichern, ohne lokale Ökonomien mit algorithmenbasierter Werbung und Programmatic Advertising zu zerstören!


Freie, unabhängige Presse und eigenwirtschaftliche journalistische Stabilität — diese Ziele der Marzahn-Hellersdorf Zeitung wurden im Verbund mit dem Mediennetzwerk Berlin aus 12 Bezirkszeitungen inzwischen erreicht.
Die nächsten Ziele sind ungleich schwerer erreichbar, denn bezahlte Vollzeit-Arbeitsplätze sind nur schwer finanzierbar. Für knapp 275.000 Einwohner im Bezirk Marzahn Hellersdorf werden wenigstens 3 Vollzeit-Kräfte in der Redaktion benötigt, wenn das intendierte Zielkonzept eines umfassenden lokal-metropolitanen Qualitätsjournalismus verwirklicht werden soll. Das bedeutet: es liegt noch einige Arbeit vor dem Projekt, bis wichtige Nachrichtenfelder überhaupt bearbeitet werden können.


Marzahn-Hellersdorf Zeitung als Standortförderung

Standortpolitisch hat die Marzahn-Hellersdorf Zeitung schon einiges erreicht: der Bezirk wurde aus seiner medialen Randlage befreit. Als eines der ersten Medien hat die Marzahn-Hellersdorf Zeitung auch Katja Oskamps: Marzahn, mon amour besprochen und berlinweit bekannt gemacht, noch weit bevor RadioEins eine große Radio-Lese entwickelte. Das Buch hat den Bezirk und seine Bürger: innnen in den Blick gerückt, populär gemacht.

Das Ziel, mehr Präsenz und Medienecho zu erzeugen, wurde schon in Teilen erreicht. Das große Ziel, die Sichtbarkeit und individuelle Medienpräsenz für Künstler, wirtschaftliche Akteure und bezirkliche Attraktionen zu stärken, ist erst in Teilen erreicht.

Der bewußte Verzicht auf Abo-Paywalls erweist sich mehr und mehr als wirtschaftlich tragender Vorteil, weil mit der Marzahn-Hellersdorf Zeitung ein tiefes Konzept von Pressefreiheit, dgitalen Bürgerrechten, fairen, sozialen Marktrechten und breiter allgemeiner Zugänglichkeit geschaffen wird. Kurz: eine ganze Familie, Eltern, Großeltern ud Kinder, kann von ganz unterschiedliche Orten mit ganz unterschiedlichen Bildschirmgeräten auf eine Nachricht zugreifen, ohne an Dritte Geld oder Daten oder Log-Ins übermitteln zu müssen.

Die Bezirkspolitik und das Bezirksamt unter bisherige Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle waren bisher offenbar wenig begeistert, bis zurückhaltend oder sogar aversiv positioniert. Lediglich die Fraktion von Bündnis 90/Grüne war aufgeschlossen, aber hat sich nicht finanziell aktiviert.

Der wichtigste Grund liegt in den disruptiven Medienkonditionen: denn für Lokalpolitik wurde eine direkte Mindestkostentragung eingefordert. Dahinter steht eine sehr gut durchdachte Idee, die mit der Zukunft der Demokratie in Deutschland und mit der Idee der Gewaltenteilung zu tun hat.


Journalismus — Appendix von Datenkonzernen oder vertrauenswürdige Vierte Gewalt?

Die Gewaltenteilung ist in den Jahren der Kanzlerschaft von Dr. Angela Merkel aus dem Fokus der Politik geraten. Die Idee sozialistischer Allzuständigkeit wurde im Kanzleramt gestärkt. Die Idee von des Checks und Balances der Demokratie durch Gewaltenteilung ist vermutlich von Dr. Merkel nie ganz verstanden worden.

Wirklich unabhängiger Journalismus als vierte Gewalt ist nur möglich, wenn auch selbst die wirtschaftlichen Daseinsfunktionen abgesichert werden können.

Doch auch der Qualitätsjournalismus ist heute ökonomisch unter Zwang: es fängt mit den Logos von Facebook, Twitter, Instagram und YouTube an, die noch vor den Zeitungstiteln auf dem Bildschirm erscheinen. Dazu sorgen Programmatic Advertising und Cookies für einen steten Datenstrom, mit dem digitale Zeitungen ihre Leserbefragen und Browserdaten befragen. Damit das als Geschäftsmodell funktioniert, wird heute ein irrwitziger Aufwand und Systemaufwand notwendig. Die Kosten erzwingen die Einrichtung von Abo-Paywalls, und lassen immer mehr journalistische Informationen aus dem Blick der Öffentlchkeit verschwinden.

Für Marzahn-Hellersdorf ist das nicht gut, denn hier leben auch viele arme und alleinerziehende Familien mit Kindern, die gar nicht erfahren, welches Bildungspotential in Zeitungen für die schlummert.

Die Geschäftsmodelle des digitalen Qualitätsjournalismus haben auch die Politik verändert. Immer mehr Politiker sind auf sozialen Medien aktiv. Die nicht aktiven Bürgerinnen und Bürger geraten dabei aus dem Blick. Die Spaltung der Gesellschaft wurde verstärkt, mit allen negativen Nebeneffekten von Bildungsferne, Armut, Kontrollverlust und Protest und Radikalisierungen.

Journalismus ist als VierteGewalt zur Parteien-Kritik gezwungen

Die Marzahn-Hellersdorf Zeitung stellt die aktuelle Entwicklung der Parteien in Frage. Aus der nach dem Parteiengesetzt intendierten innerparteilichen lokalen Demokratie der Ortsverbände sind Eliten-Organisationen herangewachsen, die Politik von Oben herab entwickeln.

Die massiven Systemwirkungen der Nutzung sozialer Netzwerke wurden bisher ignoriert. — Die demokratischen Parteien haben sich selbst unter dem Einfluß sozialer Netzwerke verändert: bezahlte Funktionäre, Influencer und SocialMedia Manager:innen gestalten Parteipolitik von Oben. Die nach dem Parteiengesetzt vorgeschriebene innerparteiliche Demokratie ist praktisch und finanziell auf den Kopf gestellt, die Parteibasis weitgehend entmachtet.
Zudem werden in massiver Weise staatliche Subventionen für sogenannte zivilgesellschaftliche Organisationen ausgereicht.

Lokalpresse ist davon ausgeschlossen, aber in politischen Fensterreden wurde mantraartig immer wieder von der Systemrelevanz des Journalismus gesprochen.

Mit den neuen Medienkonditionen der Marzahn Hellersdorf Zeitung wird nun die Nagelprobe gemacht! Die Parteien sind gefragt, wie ernst sie es mit der Pressefreiheit und mit einer freien Lokalpresse meinen! — Im gerade vergangenen Bundestagswahlkampf wollte noch keine Partei darauf eingehen. — Medienpolitisch ist das aber keine dauerhaft haltbare Position.

Denn die Medienlandschaft meint es nicht gut mit den Parteien: Qualitätsjournalismus hinter Abo-Paywalls erreicht nur zahlende Eliten und Newsletter-Abonnenten. Ihre Zahl ist berlinweit eher überschaubar und erreicht nur Bruchteile der Gesamtbevölkerung von fast vier Millionen Einwohnern.

Das Junktim „Keine Kostentragung, keine Lokalpolitik!“ Keine Fotos von Lokalpolitikern und keine erklärenden Informationen zu politischen Parteien — das war neu, aber zwingend!

Alle politischen Parteien im Lande haben bisher ausschließlich an die eigene ökonomische Absicherung gedacht – und das Lokalzeitungssterben und die immer weitergehenden Ausdünnung der Lokalredaktionen einfach hingenommen. Im Jahr 2018 genehmigten sich die im Bundestag vertretenen Parteien sogar eine Erhöhung der Obergrenzen der staatlichen Finanzierung um 25 Millionen Euro. Das Bundesverfassungsgericht überprüft aktuell, ob das zulässig war.

Auf die Idee einer unabhängigen komplementären Finanzierung für systemrelevanten Lokaljournalismus sind die Parteien bisher selbst nicht gekommen,

Dabei sind die Parteien und ihre Nachwuchsarbeit selbst in Gefahr: nur rund 1,7 % der Bevölkerung mit deutschen Pass über 16 Jahre sind noch in Parteien organisiert. Die Gefahren des „Lokalzeitungssterbens“ wurden unterschätzt, denn sie führen inzwischen auch zum „Parteiensterben.“

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hat sich dazu am 4.10.2021 klar zu Wort gemeldet: „Die Bundestagswahl ist eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Denn das Ende der Volksparteien ist besiegelt.“


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