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Bezirksamt will Kultur-Standorte erhalten

Galerie M

Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf will die drei Standorte Galerie M, Kunsthaus Flora und Kummerower Ring erhalten. Juliane Witt, Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Soziales und Facility Management, verteidigte in einer umfangreichen Pressemitteilung ihr Anliegen und gibt Ausblick auf die kommenden Herausforderungen.

Juliane Witt: “Für den nächsten Haushalt 22/23 wird erneut gekämpft werden, welche Kulturschwerpunkte personeller, räumlicher Art im Bezirk gesetzt werden. Mit dem stark gestiegenem Interesse an der Kultur, an den Kunstorten im Marzahn-Hellersdorf gehe ich davon aus, dass zum Wahljahr viele Wettbewerber sich auch hier intensiv mit den Rahmenbedingungen befassen und ambitionierte Visionen für die Kulturlandschaft entwerfen. Wenn wir davon gemeinsam auch nur die Hälfte umsetzen, wird es so vielfältig und modern werden, wie es sich viele Bürgerinnen und Bürger wünschen. Ich setze auf einen guten Mix, auf junge Menschen, die hier auch in den Bezirk zurückkehren und Verantwortung übernehmen wollen und können.”

Kommunale Kulturstandorte im Fokus

Das Kulturamt hat vor allem den Erhalt der kommunalen Kulturstandorte im Blick, wie die Stellungnahme der Kulturstadträtin in der Pressemitteilung vom 30.12.2019 erkennen lässt. Der Handlungsspielraum ist daher auf den Umfang der bereitgestellten Haushaltsmittel, räumlichen Ressourcen, des geförderten Personals und den Umfang des ehrenamtlichen Engagements und Gastengagements begrenzt.

Kulturentwicklung in Marzahn-Hellersdorf in der sozioökonomischen Strukturfalle?

Die bezirkliche Kulturentwicklung ist von strukturellen Herausforderungen geprägt. Größter Engpass ist die Haushaltsknappheit, die zur Einschränkung freiwilliger kommunaler Ausgaben führt, wie im Kulturbereich. Große räumliche Entfernungen zwischen Kulturorten und Großsiedlungsstrukturen erschweren auch die Herausbildung selbsttragfähiger kultureller Szenen und Märkte im Bezirk, die nur in den dichtbesiedelten Gründerzeitvierteln Berlins tragfähig sind.

Die Fokussierung den Kulturhaushalts auf kommunale Kultureinrichtungen, beschränkt leider auch die ökonomischen Spielräume und Entwicklungsmöglichkeiten. Staatliche Zuwendungen, Antragsökonomien und ehrenamtliche Projektstrukturen verhindern auch den Aufbau von freien Budgets, mit denen etwa Ko-Finanzierungen und Drittmittelfinanzierungen aufgebaut werden könnten.

Auch die Aktivierung von staatlichen Mitteln aus den Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket ist derzeit kaum möglich, weil dazu Zielgruppen angesprochen, umworben und zur Antragstellung motiviert werden müssen. Ein Rechenbeispiel zeigt den Spielraum auf: bei fast 40.000 Anspruchsberechtigten im Bezirk und je einem Kulturbesuch für 5 Euro im Monat, könnten jährlich rund 2,4 Millionen Euro bereitgestellte Mittel als Einnahmen im Kulturbereich verbucht werden, und alle Finanzengpässe beseitigen.

Marzahn-Hellersdorf hätte damit im Kulturbereich ausreichende Potentiale, um zusätzliche überbezirkliche und EU-weite Drittmittel für weitere Kulturangebote einzuwerben.

Gute Kulturarbeit, Kunst und Kultur- und Kreativwirtschaft fördern

Bisher sind damit auch alle Möglichkeiten für freie Künstlerinnen, kreative Akteure und Träger sehr eingeschränkt, weil keine kreativen ökonomischen Spielräume und Wachstumspotentiale genutzt oder aufgebaut werden. Offenbar gibt es im Bezirk keine ausreichende Zahl von Akteuren, die marktwirtschaftliche und kreativwirtschaftliche Aktivitäten und Wissen nutzen, um Kulturentwicklung und gute Kulturarbeit voran zu bringen.

Ticket-Einnahmen, Märkte und in Verbindung mit gastronomischen Geschäftsmodellen, Medienökonomien und digitale Kulturwirtschaft bieten jedoch große nutzbare Entwicklungsspielräume.

Gemeinnützigkeitsfalle und falsche betriebswirtschaftliche Denkmodelle

Ehrenamtsökonomien allein können nicht aus ökonomischen Engpass-Lagen herausführen. Auch Vereine und gemeinnützige Träger könnten ihre wirtschaftlichen Geschäftsbetriebe ausbauen, wenn dazu entsprechendes betriebswirtschaftliches Wissen vermittelt wird. Mitgliederwerbung, Spendenwerbung und ideeller Zweckbetrieb sind unmittelbar zielgerichtete ökonomische Tätigkeiten. Die immer wieder zu hörende Äußerung, ein gemeinnütziger Verein sei nicht kommerziell, ist eine Denkfalle, die schon viele Vereine in die Pleite geführt hat. Der ADAC und der gemeinnützige Verein zur Förderung des Ballsports Bayern München e.V. zeigen, dass Vereine große Wirtschaftkraft entfalten können, wenn sie wirtschaftliche Vereinsführung, Sponsoring, Fundraising und Social Business optimieren.
Auch die verbreitete Meinung, ein Vereinsvorstand müsse Angst vor zuviel Einnahmem haben, weil dann Steuern gezahlt werden müssen, zählt zu den falschen Erzählungen. Richtig ist: bei richtiger Planung können zweckdienliche Jobs und gute Kulturarbeit geschaffen werden, wenn ideeller Zweckbetrieb und wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb gut bewirtschaftet werden.

Kiezorientierung und das zu kleine betriebswirtschaftliche Karo

Die volkstümlich verbreitete Kiezorientierung und lokale Quartiersmanagements schaffen zu enge Perspektiven und bremsen große Projektideen und Metropolen-Denken und Weltoffenheit aus. Kiezübergreifende Projekte können nur entstehen, wenn es auch Einladungen zu Kulturaktivitäten quer durch den ganzen Bezirk oder quer durch die ganze Region gibt. Soziale Netzwerke verstärken noch den Trend zum kleinen Karo, das in der Regel dann zu klein ist, wenn nur ein einziger Frisör seinen Arbeitsplatz darin sichern kann. Große Ideen für die ganze Stadt müssen erdacht und umgesetzt werden. Mikro-Projekten mit Mega-Antragsbürokratie verhindern das. Aus dem Programm Soziale Stadt sollte besser ein e“Programm soziales-digitales Marktwirtschaften“ werden.

Machbare Alternativen in der Kulturentwicklung in Marzahn-Hellersdorf

Eine kultur- und kreativwirtschaftliche Strategie, die über Standorte hinaus auch künstlerische Leistungen und -Formate fördert, könnte alle Spielräume erweitern.

Die Kunstfigur Cindy aus Marzahn zeigte einen individuellen Weg auf, der ein Comedy-Format begründete, das die Darstellerin Ilka Bessin eine ganze Zeit getragen hat. Die Band Marzahn ist ein Kulturbotschafter, der auch für die Kultur im Bezirk werben kann. Das Festival 48 Stunden Neukölln verwandelt den ganzen Bezirk in eine Kulturszene, die von vielen privaten Akteuren mitgetragen wird. Das davon inspirierte Festival „114 über Marzahn“ braucht aber noch mehrere Anläufe und ein breiteres Marketing, um für den ganzen Bezirk Marzahn-Hellersdorf erfolgreich zu wirken.

Ein gemieteter Kultour-Bus könnte in Marzahn-Hellersdorf helfen, Distanzen zu überwinden, und mehr Besucher in Veranstaltungen zu locken. Bei rund 600 Euro Tageskosten und 80 Fahrgästen könnte ein Kultur-Bus schon bei drei Veranstaltungs-Touren am Tag manches Veranstaltungs- und Festivalformat in Marzahn-Hellersdorf beleben. Wird das Teilhabe-Paket genutzt, könnte so ein Kultour-Bus in Marzahn-Hellersdorf locker für viele Veranstaltungstage und Ferienreisen genutzt werden.

Auch der Tagungs- und Kulturtourismus könnte in Marzahn-Hellersdorf noch mehr beflügelt werden, und könnte im Verbund zwischen Kultureinrichtungen und privaten Veranstaltern mehr Touristen einladen, die täglich rund 67 EUR pro Tag für Freizeit und Kultur, Verpflegung, Transport, Einkäufe ausgeben. Jeder übernachtende Berlin-Besucher gibt am Tag 205,80 Euro aus (Zahlen 2018 visitberlin).


Liste der kommunalen Kultureinrichtungen

1. Ausstellungszentrum Pyramide, Riesaer Straße 94, 12627 Berlin
2. Bezirksmuseum: Haus 1, Alt-Marzahn 51, 12685 Berlin / Haus 2, Alt – Marzahn 55, 12685 Berlin
3. Jugendkunstschule, Kummerower Ring 44, 12619 Berlin
4. Galerie M, Marzahner Promenade 46, 12679 Berlin
5. Kulturzentrum Kino Kiste, Heidenauer Straße 10, 12627 Berlin
6. Kulturforum Hellersdorf, Carola-Neher-Straße 01, 12619 Berlin
7. KulturGut Alt Marzahn, Alt Marzahn 23, 12685 Berlin
8. Kunsthaus Flora, Florastraße 113, 12623 Berlin
9. Schloss Biesdorf, Alt Biesdorf 55, 12683 Berlin

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